PNP v. 10.09.2016

 

Hurra, endlich Schule!

 

 

 

Kunstgrundschule Haidenhof: Zwei erste Klassen starten dort kommende Woche in das Schulleben. Rektorin Dr. Theresia Licata weiß, was die Erstklässler erwartet. Und sie weiß, wie eng die Bindung zwischen Erstklasslehrer und Schüler ist. − Foto: Jäger

Kunstgrundschule Haidenhof: Zwei erste Klassen starten dort kommende Woche in das Schulleben. Rektorin Dr. Theresia Licata weiß, was die Erstklässler erwartet. Und sie weiß, wie eng die Bindung zwischen Erstklasslehrer und Schüler ist. − Foto: Jäger

 

 

Der erste Schultag: Frau Licata, was erwartet die Kleinen? Und was erwartet die Eltern?

Nun ja, am Morgen gehen wir gemeinsam in einen ökumenischen Gottesdienst. Die Bekenntnislosen oder Andersgläubigen bleiben in der Schule und werden von der Konrektorin betreut. Danach werden die Kinder den einzelnen Klassenlehrern zugewiesen. Wir haben in diesem Jahr zwei erste Klassen – eine Regel- und eine Ganztagesklasse. Zunächst gehen die Eltern mit in den Klassenraum. Dort macht sich die Lehrerin mit den Kindern bekannt und stellt schon Lehrmittel – wie etwa den Lesehasen – vor. Wenn die Kinder sich allmählich wohlfühlen, gehen die Eltern hinaus.

Wie merkt man, dass sich die Kinder wohlfühlen und die Eltern nicht mehr notwendig sind?

Das merkt man daran, dass sie anfangen, mit der Lehrkraft zu kommunizieren. Sicher, es gibt immer wieder welche, die weinen und die Eltern noch bei sich haben wollen. Das wird dann natürlich auch zugelassen – wir wollen die Kinder nicht verschrecken. Wenn sie dann aber zur vorübergehenden Trennung bereit sind, empfängt der Elternbeirat die Eltern in der Aula. Ich begrüße sie ebenfalls, stelle die Schule vor und gebe schon mal eine kleine Terminübersicht für das Schuljahr. Dann stoßen die Lehrer mit den Kindern dazu und es besteht die Möglichkeit, Fotos zu machen.

Ist die Anwesenheit der Eltern das A und O, um den Schulanfang zu erleichtern?

Natürlich ist es wichtig, dass sie dabei sind. Allerdings muss ich sagen: Der Schulanfang ist nicht mehr so wie vor zwanzig Jahren. Die Kinder sind sehr gut vorbereitet. In Zusammenarbeit mit den Kindergärten bieten wir sechs Monate vor Schulbeginn ein spezielles Programm an. An fünf Nachmittagen kommen die Schulanfänger zu uns. Sie lernen das Schulhaus kennen, werden von Tutoren aus den vierten Klassen durch das Gebäude geführt und sie dürfen einen Parcours in der Turnhalle machen. Ganz spielerisch. Von Mal zu Mal fühlen sich die Kinder sicherer. Und sie lernen schon Kinder aus anderen Klassen kennen. Der erste Schultag ist dann nicht mehr der absolute Schnitt zwischen Kindergarten und Schule. Der Übergang ist fließend. Das wird von den Eltern sehr geschätzt. Großes Lob an dieser Stelle an die Kindergärten. Sie arbeiten intensiv mit den Schulanfängern – meines Erachtens eine hervorragende Vorbereitung, etwa was das phonetische Bewusstsein der Kleinen betrifft, an die wir anknüpfen können.

Der Übergang vom Spiel zur Disziplin: Eine große Herausforderung für die Kleinen?

Wenn es nach uns geht nicht. Gerade am Anfang machen die Lehrer der ersten Klasse sehr viel spielerisch, mit Musik- und Bewegungselementen. Gleich nach dem Schuleintritt erwartet keiner von den Kindern, dass sie 45 Minuten stillsitzen. Das wird sukzessive ausgebaut. Und wenn der Lehrer nachlassende Aufmerksamkeit bemerkt, rhythmisiert er den Unterricht, wie wir sagen. Mit einem Wechsel von Anspannung und Entspannung, von Lernen und Spielen, führen wir die Kinder an die Schule heran.

Bitte nicht: Vorher Lesen und Schreiben übenFreuen sich die Kinder auf die Schule?

Ja, und wie. Und nicht nur wegen der Schultüte, die ist lediglich eine schöne Beigabe. Es freuen sich – mit Ausnahme von Wenigen, etwa den ganz Schüchternen – fast alle. Sie strahlen richtig. Wenn wir bereits im Frühjahr die Eltern zur Vorbereitung an die Schule holen, sagen wir ihnen immer wieder, dass ihre Pflicht nicht darin liegt, den Kindern schon vor der Schule Lesen oder Schreiben beizubringen. Bitte nicht. Wichtig ist, dass sie den Kindern sagen: “Du darfst dich auf die Schule freuen. In der Schule wird’s schön. Du hast da viele Freunde.” Und so weiter.

Haben Sie einen Tipp, damit die Freude an der Schule erhalten bleibt?

Wenn es Unstimmigkeiten mit der Schule oder den Lehrern gibt, dann bitte nicht vor den Kindern darüber sprechen. Das mindert deren Freude an der Schule und führt zu innerer Zerrissenheit. Alle Kinder lieben ihre Erstklasslehrer. Diese Bindung ist die engste Bindung gleich nach der Bindung an die Eltern. Nach der Mama kommt die Lehrerin. Bei Problemen sollen die Eltern daher lieber direkt zu uns kommen. Wir sind offen für konstruktive Kritik und oft sehr dankbar, über Dinge aufgeklärt zu werden, die wir übersehen.

Hat sich das Verhalten der Kinder in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Ja. Sowohl zum Positiven wie zum Negativen. Einerseits sind die Kinder heute selbstbewusster. Sie sind viel eloquenter geworden und zum Teil beim Sprechen schon sehr weit. Andererseits beobachten wir mehr Verhaltensauffälligkeiten. Manche etwa sind sehr bewegungsarm oder wenig konzentriert. Das ist unserer Gesellschaft geschuldet, die sich verändert hat. Jede Zeit hat ihren Charakter.

Nimmt die Nutzung elektronischer Unterhaltungsgeräte auf die Entwicklung der Kinder Einfluss?

Durchaus, aber nicht ausschließlich. Sicherlich gibt es einige Kinder, die zum Beispiel viel vor dem Computer sitzen und daher wenig reden. Da spielen aber mehrere Faktoren mit rein. Beispielsweise kann es sein, dass in der Familie grundsätzlich wenig gesprochen wird. Ich will Handy, Tablet oder Playstation nicht die Schuld an allem geben. Die meisten Eltern achten ohnehin darauf, dass der Konsum begrenzt stattfindet und andere Freizeitbeschäftigungen praktiziert werden.

Was bei berufstätigen Eltern neben dem Haushalt aber oft schwierig ist…

Das stimmt. Abwechslung, Bewegung, Kreativität, frisches Essen. Einen kindgerechten Tag zu gestalten fällt vielen Eltern, die arbeiten, schwer. Das soll in keinerlei Hinsicht ein Vorwurf sein. Oft müssen einfach beide Elternteile arbeiten, zum Beispiel weil sie ein Haus bauen oder teuer Miete zahlen. Das ist einfach so. Dem müssen wir uns stellen. Mit Angeboten. Wir bieten ja auch die Ganztagesschule an. Das Kind lernt hier nicht nur, sondern lebt auch hier. Bewegung und musische Elemente – Singen, Malen, Musik – sorgen bis 16 Uhr für Abwechslung. Und für Kontakt mit Gleichaltrigen. Auch Letzteres ist für Eltern oft schwierig – es sei denn sie fahren ihre Kinder ständig zu ihren Freunden.

Übertritt nach der vierten Klasse: “Viel zu früh”Schule hört sich bei Ihnen sehr fröhlich und entspannt an. Haben sich die Anforderungen in der Grundschule nicht auch erhöht? Vor allem was die Zeit vor dem Übertritt auf weiterführende Schulen betrifft?

Das ist ein großes Thema. Die Kinder müssen einen gewissen Notendurchschnitt haben, um zum Beispiel aufs Gymnasium gehen zu können. Das erzeugt Druck, auch wenn sich die Eltern bei Verfehlen des Schnitts dazu entscheiden können, das Kind in den Probeunterricht zu schicken. Wir in der Schule, die Lehrer, haben durch den Lehrplan strenge Vorgaben, zum Beispiel über die Zahl der zu haltenden Proben. Wir können nicht aus. Ich glaube aber auch nicht, dass tatsächlich die Schule den Druck auf die Kinder erzeugt. Ich übe nur ungern Kritik an den Eltern. Aber ich beobachte, dass es hauptsächlich deren Erwartungshaltung ist, die Druck generiert. Dabei verstehe ich die Eltern durchaus: Sie möchten ihren Kindern die bestmögliche Bildung mit auf den Weg geben. Weil sie sich kümmern und sorgen. Besser wäre es aber, wenn sie locker mit dem Übertritt umgehen würden. Und den Kindern sagen: “Okay, wenn du den Schnitt jetzt nicht schaffst, dann gibt es einen anderen Weg.” Es bestehen ja so viele verschiedene Möglichkeiten in der Bildungslandschaft. Jeder, der will, kann bei uns zum Abitur kommen. Nicht nur über das Gymnasium. Eltern müssen erkennen, dass in der vierten Klasse überhaupt nichts verloren ist. Das Kind ist zehn Jahre alt. Es entwickelt sich noch. Es ist viel zu früh für diese Entscheidung. Da sind die Modelle in anderen Bundesländern besser: Wenn die Kinder bis zur sechsten oder achten Klasse gemeinsam zur Schule gehen und die Selektion nicht so früh stattfindet…

Eine Frage, an der man zur Zeit kaum vorbeikommt: Ist die Zahl ausländischer Schüler gestiegen? Wie kommen sie mit der Schule klar?

Was diese Frage betrifft, sind Sie an der richtigen Schule. Die Schüler, die nicht deutschsprachig sind und nach Passau zuziehen, kommen nämlich zunächst alle an unsere Schule. Und zwar in unsere Willkommensklasse. Dort wird festgestellt, in welche Jahrgangsstufe sie gehören. Sie müssen wissen, die Schulsysteme sind international nicht vergleichbar. Meist werden die Kinder ein Jahr zurückgestuft und werden dann noch differenziert und individuell betreut. Mit zwei Stunden Sprachunterricht täglich. Danach – das heißt für Sport, Musik, Kunsterziehung, Englisch und Mathematik – geht es in die Regelklasse zurück. Wenn die Kinder so weit sind, dass sie ohne Nachteil vollständig am regulären Unterricht teilnehmen können, kommen sie an die so genannten Sprengelschulen, also an jene Schulen, denen die Kinder eigentlich basierend auf ihrem Wohnort zugewiesen sind. Wir haben mittlerweile viel Erfahrung in diesem Bereich und wissen, wie wir die Kinder möglichst schnell voranbringen. Es macht Spaß, zu sehen, wie rasant die Kinder Fortschritte machen. Von Nullsprachkenntnis zum Zurechtkommen mit der Sprache im Alltag – diese Entwicklung habe ich schon in zwei Monaten miterlebt. Dass wir eine Kunstgrundschule sind, ist dabei von Vorteil: Beim Malen, Zeichnen, Drucken und was sie noch so alles machen können die Kinder mit Migrationshintergrund genauso gute Ergebnisse erzielen wie die deutschen Kinder, die neben ihnen sitzen. Ohne dass sie irgendeinen Nachteil hätten. Ohne dass sie das Gefühl haben, dass die Anderen besser sind.

Integration: Kinder machen’s vorWie funktioniert die Integration in der Klasse?Für die Kinder ist es die normalste Sache der Welt. Sie reden mit ihren zugewanderten Klassenkameraden, ob sie sie nun verstehen oder nicht. Und sie spielen mit ihnen. Kinder sind in diesem Punkt vorbildhaft. Völlig unvoreingenommen. Ich glaube, dass unsere Schule ein Abbild unserer derzeitigen Gesellschaft ist. Und das ist auch gut so. Eine Schule soll nicht elitär sein und Auslese betreiben, sondern den Querschnitt der Bevölkerung darstellen. Damit sich die Kinder daran gewöhnen. Es ist ja mittlerweile auch ganz normal, dass, wenn ein Erwachsener zum Einkaufen geht, er an der Kasse auf jemanden trifft, der nicht so gut Deutsch spricht. Und dass bekommen die Kinder hier schon in der Grundschule mit.

Ist Schule demnach mehr als reines Pauken?

Definitiv. Gerade was emotionale und soziale Kompetenzen, die immer wichtiger werden, betrifft. Wir haben hier Tutoren, eine Streitschlichterausbildung und Ähnliches, damit die Kinder Verantwortung für Andere übernehmen und sich einbringen. Das Lösen von Matheaufgaben ist wichtig, keine Frage, aber nicht das Essenzielle. Unsere Gesellschaft hat sich verändert. Einzelkämpfer sind im Beruf nicht mehr die Regel. Teamarbeit wird großgeschrieben. Dafür muss die Schule vorbereiten. Vieles Inhaltliche kann man sich selbst aneignen, aber soziale Kompetenzen muss man früh und auf lange Zeit trainieren. Dass Kinder lernen, Rücksicht zu nehmen, warten zu können und sich in der Gruppe zu bewähren, ist wichtig. Ich sage auch immer zu den Erstklasslehrern: Lasst den Stoff erst mal außen vor. Schaut, dass die Ordnungsformen und Rituale stimmen, dass alles gut gegliedert ist und dass das Miteinander funktioniert. Nur dann ist es sinnvoll, mit dem Lernen anzufangen.

Die Fragen stellte Daniela Pledl.

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